Wochenimpuls: Die Antwort auf Hass ist nicht Hass

06.10.2025 |

Liebe Leserinnen und Leser,
diese Worte haben mich tief berührt. Sie wurden von jener Frau gesprochen, deren Mann am 10. September 2025 in Utah auf offener Bühne erschossen wurde. Der Mord an dem amerikanischen Influencer, politischem Aktivisten und Agitator der MAGA-Bewegung („Make America Great Again“) Charlie Kirk heizt seither die politische Stimmung in den USA gewaltig auf. 

Seine Frau Erika und seine Kinder haben den blutigen Mord mit eigenen Augen ansehen müssen. Und doch forderte Erika Kirk bei der Gedenkfeier für ihren Mann eben nicht wie so viele von dessen Anhängern umgehend die Todesstrafe für den jungen Attentäter. 
Ich unterstelle, dass ihr öffentliches Zeugnis ernst gemeint war. Dann hat sie in meinen Augen Jesus durchaus verstanden. Sie ist nicht der Versuchung erlegen auf Rache und Vergeltung zu sinnen, sondern betonte, dass die Antwort auf Hass nicht Hass ist. 
Wörtlich sagte sie: „Am Kreuz sagte unser Erlöser: 'Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.' Diesem Mann – diesem jungen Mann – vergebe ich. Ich vergebe ihm, weil Christus das auch getan hätte. Und weil Charlie das auch getan hätte." Und sie fügte noch hinzu: "Die Antwort auf Hass ist nicht Hass. Die Antwort – das wissen wir aus dem Evangelium – ist Liebe. Immer Liebe. Liebe für unsere Feinde. Liebe für diejenigen, die uns verfolgen."
Ja es stimmt: Erika Kirk kann eigentlich nicht im Namen ihres Mannes Vergebung aussprechen, da dieser selbst nichts mehr dazu sagen kann. Und es stimmt auch, dass der Attentäter sehr wohl wusste, was er tat, als der diesen politisch motivierten Mord beging. 
Ebenfalls stimmt, dass es berechtigte Kritik an den Aussagen und Überzeugungen ihres Mannes gibt, die ohne Zweifel mit zur aktuellen aufgeheizten Situation und zur gesellschaftlichen Spaltung in den USA beitrugen. So rief er bspw. zur militanten Bekämpfung von (politisch) Andersdenkenden auf und bezeichnete den Civil Rights Act von 1964 als großen Fehler. Als Unterstützer der Waffenlobby sagte er, dass es der 2. Verfassungszusatz wert sei „some gun deaths“ hinzunehmen.
Und es stimmt auch, dass es fast unerträglich war, wie diese Gedenkveranstaltung politisch inszeniert und missbraucht wurde … und doch: wenn sie ehrlich gemeint waren, belegen die Worte von Erika Kirk für mich eindrucksvoll, dass sie den Kern der jesuanischen Feindesliebe verstanden hat.
Ganz anders trat bei derselben Veranstaltung Donald Trump auf, der sich von Kirks Position ausdrücklich distanzierte. Der US-Präsident, der sich so gern auf christliche Werte beruft, sagte ganz unverhohlen: "Da bin ich anderer Meinung als Charlie. Ich hasse meinen Gegner und wünsche ihm nicht das Beste. Es tut mir leid, Erika ..., aber ich kann meinen Gegner einfach nicht ausstehen." Er brachte hier ins Wort, was man seit seinem erneuten Amtsantritt immer mehr erleben kann: Er missbraucht sein Amt, um alle in den Schmutz zu ziehen, zu verunglimpfen, rechtlich zu verklagen, aus Ämtern zu entfernen … die ihm jemals in die Quere gekommen sind. Donald Trump propagiert offen den Hass des politischen Gegners. Damit folgt er der Losung des Staatsrechtlers und politischen Philosophen Carl Schmitt (1888-1985), der den Begriff der Politik an klare Freund-Feind-Unterscheidungen bindet. Und wen Donald Trump als seinen Feind ausmacht, der wird gnadenlos bekämpft. Doch der Hass des politischen Gegners kann in unserer polarisierten und von Kriegen und Krisen gebeutelten Welt kein Kompass sein, um wirklich dauerhaften Frieden und Gerechtigkeit zu erlangen.
 
Ihr Pfarrer Ronny Baier