Wochenimpuls: Hydrangea

29.09.2025 |

Liebe Leserinnen und Leser,
Gartenkenner wissen, dass sich hinter einer Hydrangea eine Hortensie versteckt. Während meines Sommerurlaubs in England durfte ich derer viele bewundern. Und auch ich habe einige schöne Exemplare davon in meinem Garten.
Unlängst las ich jedoch, dass die Hortensie zu den Klimakillern gehört. Denn: Hortensien schlucken viel zu viel Wasser. Die meisten nützen den Insekten wenig bis nichts. Und ich muss mir im Netz sagen lassen, dass meine Hortensien unnötig bis fahrlässig einzustufen sind, wenn es um nachhaltiges Gärtnern geht. 

Ich habe seitdem ein leicht schlechtes Gewissen, weil mir Klimaschutz ja durchaus wichtig ist. Aber: Ich finde meine Hortensien einfach schön. Die Psychologie hat einen Begriff für meinen Zustand: Kognitive Dissonanz. Das meint das unangenehme Gefühl, weil eine Person zur gleichen Zeit widersprüchliche Gedanken, Einstellungen oder Verhaltensweisen in sich hat. Also in meinem Fall: Ich möchte aktiven Klimaschutz betreiben und zugleich Hortensien im Garten haben. 
Solch eine kognitive Dissonanz kann bei ganz unterschiedlichen Themen entstehen – zum Beispiel, weil man Tiere liebt und sie dennoch isst. Oder wenn man möglichst gesund alt werden möchte und dennoch raucht. Es gibt etliche Beispiele dafür. Und viele dieser Themen werden in den letzten Jahren heiß diskutiert. 
Und wie das mit unangenehmen Gefühlen so ist: Wir versuchen, sie loszuwerden oder zumindest, sie zu reduzieren. Mal, indem wir uns schönreden, was wir tun. Oder es umdeuten. Mal, indem wir unser Verhalten ändern. In meinem Fall ist es eine Mischung: 
Die Hortensien, die ich habe, werden weiter gehegt. Schließlich sind sie nun mal da. Nur neue pflanze ich keine mehr in meinem Garten. Was aber, wenn es nicht nur um Blumen geht? Bspw. um Einstellungen und Haltungen. Da wirds deutlich schwieriger. Ich möchte mich, bei dem, was mir wirklich wichtig ist, nicht maßregeln lassen. 
Wenn ich da höre „Wie kann man nur“ rebelliert es in mir schon mal im Sinne von „Da lasse ich mir nicht reinreden!“ Und wenn das so ist, dass Kritik von anderen maßregelnd ankommt und deshalb auf verschränkte Arme trifft, nenne ich das ein sattes Kommunikationsproblem. Als Theologe kann ich da einen uralten Tipp weitergeben, vom Heiligen Ignatius von Loyola höchstpersönlich. 
An den erinnere ich mich gerne auch selbst einmal. Ignatius Kommunikationsstrategie lautet: Versuche die Aussage des anderen zu retten! Das meint, erstmal wohlwollend zuzuhören, statt schnell zu urteilen. Und: Zunächst davon auszugehen, dass der andere Gutes meint. Selbst, wenn es sich für mich erstmal nicht so anhört. 
Das Ziel dahinter ist, zu verstehen, was die Person ausdrücken möchte und was ihn oder sie zu dieser Sicht der Dinge bringt. Mag sein, dass ich dennoch widerspreche. Aber sehr viel wahrscheinlicher finden wir auf diese Weise eher zu einem echten Gespräch. Eines, in dem alle das Gefühl haben, sagen zu dürfen, was ihnen wichtig ist. Sich gesehen fühlen. Respektiert, vielleicht sogar verstanden. Eine Meinung haben und vielleicht verändern zu können, ohne Gesichtsverlust. Meine Meinung: Das würde in vielen Diskussionen guttun. Gerade dann, wenn es um mehr als eine Hydrangea geht.
 
Ihr Pfarrer Ronny Baier