Wochenimpuls: Ein ökumenisches Hoffnungszeichen
15.07.2025 |
Liebe Leserinnen und Leser,
noch ist in unserem Bistum die Profanierung einer Kirche eine echte Ausnahme. Im nicht allzu weit entfernten Gaiberg erleben wir nun eine solche. Am kommenden Sonntag wird kurz vor ihrem 70. Geburtstag die katholische St. Michael Kirche profaniert. Sie ersetzte eine Vorgängerkapelle aus dem Jahr 1861, welche nach dem 2. Weltkrieg durch den Zuzug vieler katholischer Heimatvertriebener zu klein geworden ist. Geweiht wurde die neue Kirche am 29. September 1956 – und zwar von Dossenheims bislang einzigem Ehrenbürger: Bischof Augustin Olbert.
Die Profanierung der Kirche St. Michael markiert das Ende eines langen Prozesses, begleitet von Versammlungen, einer Klausurtagung und vielen Gesprächen. Zu Beginn dieses Prozesses stand ein umfangreiches Gutachten des gesamten Gebäudebestandes der Seelsorgeeinheit. Bei der Kirche in Gaiberg zeigte dieses Gutachten einen hohen Investitionsbedarf. Und der stand in keinem Verhältnis zur Zahl der Gläubigen und noch einmal mehr zur geringen Zahl der Gottesdienstbesucher.
Es folgten mehrere Gemeindeversammlungen, bei denen unter anderem über die mögliche Profanierung und den Verkauf der Gaiberger Kirche gesprochen wurde. Und am Ende stand die Entscheidung, die Kirche aufzugeben. Doch bei aller Trauer gibt es in Gaiberg auch etwas Tröstliches. Und zwar: Gaibergs Katholiken finden künftig eine neue Heimat in der evangelischen Kirche nur wenige hundert Meter die Straße hinunter. Und sie dürfen ihren Tabernakel mit dem Allerheiligsten mitnehmen.
Ein wahrlich großes ökumenisches Zeichen, mit einer Symbolkraft nach Außen, weil es auch zeigt: Wir gehören zusammen. Und als sich katholisches Gemeindeteam, evangelische Kirchenälteste und die hauptamtlichen Seelsorger beider Kirchen zum Gespräch über eine gute Lösung für die Zukunft der St. Michael Kirche trafen, war das erste, das einer der evangelischen Kirchenältesten gesagt hat: „Ja, wo stellen wir jetzt den Tabernakel hin.“ Das kann ich mir gut vorstellen, dass die Katholiken in der Runde dies besonders bewegend fanden.
Für Saskia Lerdon, die evangelische Pfarrerin Gaibergs, ist der Umzug des Tabernakels in die evangelische Kirche naheliegend: „Wenn man die katholischen Schwestern und Brüder einlädt, dann müssen sie auch das mitbringen dürfen, was ihnen am wichtigsten ist.“
Im Vorfeld haben die beiden Gemeinden eine Nutzungsvereinbarung erarbeitet. Die besagt unter anderem, dass die katholische Seite bei Bedarf Gottesdienste in der evangelischen Kirche feiern darf. Und der Diakon kann, beispielsweise für eine Krankenkommunion, dort Hostien aus dem Tabernakel holen.
Nach dem festlichen Gottesdienst zur Profanierung der Kirche am kommenden 20. Juli wird es dann in Gaiberg eine besondere Prozession geben: eine Sakramentsprozession, bei der das Allerheiligste feierlich in die evangelische Kirche gebracht wird. Für den Tabernakel wird es dort einen passenden Platz geben, wie die evangelische Pfarrerin betont: „Da die evangelische Kirche zu einem guten Teil noch vorreformatorisch ist, gibt es in deren Chorraum noch eine Sakramentsnische. Er kommt also da hin, wo er hingehört.“
So überwiegen unter Gaibergs Katholiken bei aller Trauer über die Schließung der St. Michael Kirche Trost und Dankbarkeit darüber, dass sie eine neue Heimat in der evangelischen Kirche erhalten. Was mit der Kirche St. Michael nach der Profanierung geschehen wird, ist noch nicht sicher. In einer Zeit, in der in den Bistümern und Landeskirchen immer häufiger über Kirchenschließungen nachgedacht wird, ist dies für mich ein besonderes ökumenisches Zeichen der Einheit in Verschiedenheit.
Ihr Pfarrer Ronny Baier
